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Die Seele der Kirchen

Die Feier des Letzten Abendmahls und der Brand von Notre Dame

P. Willibald Hopfgartner OFM

„Ich habe euch Freunde genannt“, sagt Jesus im Abendmahlssaal zu seinen Jüngern (Joh 15, 15). Freunde nennen wir Menschen, denen wir in Sympathie, und das heißt von innen heraus, verbunden sind. Und das sind wir heute mit Jesus alle, und in besonderer Weise. In Sympathie, das heißt erwartungsvoll, freudig bewegt, wenn man sich begrüßt, wenn man sich zum Gespräch hinsetzt, um einander zuzuhören. Gelegentlich kann man das bei Einladungen erleben: Die Gäste haben sich schön angezogen, man überreicht der Gattin des Gastgebers Blumen, man bestätigt sich gegenseitig, wie schön es ist, dass man zusammenkommt.

Etwas von dieser Stimmung ist auch in uns heute Abend lebendig, da uns Jesus zum „Gastmahl  seiner Liebe“ einlädt. Der Anlass war damals das Paschamahl, die Dankesfeier an Gott, der das Volk Israel, dem sie alle angehören, aus der Knechtschaft in Ägypten herausgeführt hat. Die Nacht der Befreiung von einst, die Nacht des ersten Paschamahles wiederholt sich, im Glauben des Volkes Israel, bei jedem Paschamahl, und wird ihm zum Heute der Zusage Gottes.

Und dieselbe Verwandlung des Einst ins Jetzt vollzieht sich auch heute Abend, vor unseren Augen. So heißt es im Hochgebet heute: „Denn am Abend, an dem er (Jesus) ausgeliefert wurde – und das ist heute – nahm er beim Mahl das Brot…“ Was am Altar geschieht, ist also die Aufhebung der Geschichte in Gegenwart. Und wenn wir das weiter bedenken, müssen wir sagen: es ist die Aufhebung der abstrakten Lehre, des allgemeinen Begriffs in ein Geschehen vor unseren Augen.

Bedenken wir das genauer. Wir sind es gewohnt, von der Liebe Gottes zu sprechen. „Gott ist die Liebe“, ein Wort, das den meisten Christen leicht „hinuntergeht“ (weil man sich  dazu denkt, „dann wird es mit dem Gericht nicht so schlimm sein…“) Aber Gott ist nicht die Wahrheit eines theoretischen Satzes – und wenn er noch so „schön“ ist – sondern die Liebe, von der er spricht, ist ein konkretes leibliches Geschehen, das sich an uns, seinen Jüngern, körperlich vollzieht.  

Die Eucharistiefeier ist darum der Durchbruch vom abstrakten, blassen, theoretischen Glauben zur konkreten leiblichen Erfahrung. Es ist, um beim Bild des Anfangs zu bleiben, das Eintreten in die Wohnung des Freundes, wo alles Nachdenken über ihn, alle Gefühle, die uns flüchtig bewegen, nun zur konkreten Begegnung mit ihm werden. 

Darum verwundert es auch nicht, dass dort, wo die Praxis dieser Begegnung abhanden kommt – zuerst war es noch Gewohnheit, die an ihnen klebte, um sich dann von den Menschen nach und nach abzulösen – dass also dort, wo der Glaube nicht Begegnung wird, nichts mehr übrigbleibt als der vage Gedanke von „etwas Höherem, das es wohl geben wird“ (wie man gerne sagt), um das man sich aber nicht weiter zu kümmern braucht. 

Darum hat das Konzil in einer berühmten Formulierung gesagt, die Eucharistiefeier bilde „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“  (LG 11). Ihrem Vollzug dienen die liturgischen Kleider, der Altar, die Musik und vor allem die Kirchenbauten, von den einfachen Dorfkirchen bis zu den herrlichen Kathedralen. 

Der dramatische Brand der Kathedrale von Notre Dame in Paris (vor drei Tagen, am 15. 4. 2019) hat uns diese Bedeutung wieder existenziell spüren lassen. Marcel Proust, der große französische Schriftsteller, hat zwar keinen Brand von Notre Dame erlebt, befürchtete aber angesichts aggressiver antikirchlicher Maßnahmen, die es zu seiner Zeit wieder gab (Quelle 1) , einen „Tod der Kathedralen“:  Die „Verstümmelung all der Statuen, die Zertrümmerung all der Glasfenster, die die Revolution unseren Kirchen zugefügt hat“, seien nichts im Vergleich zu ihrer Zweckentfremdung, denn „wenn das Opfer von Christi Fleisch und Blut nicht mehr in den Kirchen zelebriert wird, werden sie ohne Leben sein.“ (Quelle 2)  Zwanzig Jahre vorher schon kam aus dem Munde von Nietzsches „Tollem Menschen“ die Schreckensvision: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“ (Quelle 3)

Kehren wir an den Anfang zurück: Jesus der Einladende nennt uns seine Freunde, nicht nur, um uns seine ganze Sympathie zu zeigen, sondern um sich selbst uns zu geben: sich selbst in Brot und Wein zu verwandeln, um ganz in uns eingehen zu können. Und damit möglich zu machen, was er uns so sehr gebeten hat: dass wir in seiner und des Vaters Liebe bleiben (Joh 15, 10). Aber damit er später nicht missverstanden werde, was seine Liebe, dargereicht in Brot und Wein bedeutet – dass es in der Kommunion nicht darum geht, wie man nicht selten meint, ihm „einen Gefallen zu erweisen“ – vollzieht er an ihnen den Dienst der Fußwaschung. Noch einmal soll es sichtbar werden: so versteht er die Liebe, nicht abstrakt, nicht als Aufschwung eines Gefühls, nicht als allgemeines Prinzip. Darum der Zusatz: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr tut, wie ich euch getan habe“ (Joh 13, 15). Der hl. Augustinus ermahnt, im unnachahmlich knappen Stil seines Latein die Gläubigen in der Bischofskirche von Hippo: „Seid, wen ihr aufnehmt!“ Seid Menschen, in denen Christus lebendig ist…

Die Fußwaschung ist die Handlung, die sichtbar macht, was wir durch den Empfang von Leib und Blut Christi werden sollen. Mit einem Wort unseres Franziskanerlehrers aus dem Mittelalter, Johannes Duns Scotus: „Gott sucht Mitliebende mit Ihm.“ Die großen Kathedralen warten, ebenso wie die schlichten Dorfkirchen darauf, dass ein „demütiges und armes Volk“ (Zeph 3,12) sie mit Glauben und Liebe erfüllt. Im Lied zum 800-Jahr-Jubiläum der Diözese Graz-Seckau heißt es in der ersten Strophe:

Über Landschaft, über Häuser ragen Türme altersher zum Himmel an,
Künden, dass hier Menschen Glauben wagen,
Demut siegt über den eitlen Wahn.

Wir könnten auch sagen: Dass hier Menschen aus der Feier der Eucharistie jene Kraft schöpfen, die sie für ihren Alltag, auf allen Ebenen des Lebens, zur Ausübung der Fußwaschung an ihren Mitmenschen brauchen. 

P. Willibald Hopfgartner am 18. 4. 2019, in der Franziskanerkirche Graz

 

Quellenangabe 1: Vgl. die Gesetze J. Ferry 1902 und A. Briand 1905 mit der Ausweisung der Orden aus Frankreich.
2: In: Le Figaro, 16. 8. 1904, zitiert von Karl Peter Schwarz in Die Presse, 18. 4. 2019, S. 27 
3: Die fröhliche Wissenschaft, Nr. 125