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Vom Urknall bis zur Eucharistie. Eine Pfingstbetrachtung

Der Heilige Geist kommt im Denken der Menschen meist erst ganz zum Schluss vor, wenn ihnen sonst nichts mehr einfällt. Aber in der Bibel steht er am Anfang: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.“ Der Geist Gottes ordnet das Chaos, er stiftet den Anfang. Anders gesagt: Gottes Geist begleitet die Schöpfung von Anfang an. Ganz in diesem Sinn proklamiert der Eröffnungsvers der Liturgie vom Pfingstsonntag, das Buch der Weisheit zitierend: „Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis. In ihm hat alles Bestand. Nichts bleibt verborgen vor ihm.“

Gottes Geist ist von Anfang an dabei. Wir könnten auch – vielleicht etwas ungewohnt für moderne Ohren – sagen, er sorgt für die Evolution, er bewirkt, dass die Schöpfung nie stillsteht, dass sie sich in zielbestimmter Richtung weiterentwickelt. Eine solche Aussage wird zwar von radikalen Atheisten unter den Naturwissenschaftlern immer wieder medienwirksam bestritten. Aber die wirklich großen Naturforscher haben sich in diesem Sinn geäußert. Gottes Geist begleitet die Schöpfung in ihrer wunderbaren Entfaltung von der Urmaterie (der „Ursuppe“, wie die Astrophysiker sagen) bis zum Menschen, und er begleitet den Menschen in seiner Entwicklung vom Höhlenbewohner bis zum Wissenschaftler in seiner Raumstation. „Ich mache alles neu“, so lautet Gottes Wort am Schluss der Bibel. Wir könnten auch sagen: „Ich sorge dafür, dass immer wieder Neues entsteht und gefunden wird.“ Gottes Geist bewirkt, dass die Schöpfung nicht den Chaoskräften anheimfällt und dass der Mensch nicht von den zerstörerischen Kräften in seinem Innern vernichtet wird.

Der Geist Gottes ist der Geist des Lebens, wie wir daraus sehen. Und dieser Geist des Lebens ist in zwei seiner Manifestationen der Schöpfung unserem menschlichen Begreifen besonders zugänglich. Da ist zuerst das Licht. Es gehört zugleich Gott und der Welt. „Du hüllst dich in Licht wie in ein Kleid“, sagt der Psalm 104 von Gott. Und es verbindet uns zugleich mit dem Anfang, den die Wissenschaft den „Urknall“ nennt. Denn die Wissenschaft kennt seit etwa 100 Jahren die sogenannte „Hintergrundstrahlung“, die ein „Überrest“ aus der Zeit des Urknalls ist. Aber das Licht ist vor allem die Voraussetzung des Lebens. Leben gibt es nur, wo Licht ist. Von den Pflanzen mit ihrer Photosynthese, bis hin zu den Tieren und natürlich zum Menschen. Die Blüten öffnen sich unter den Strahlen der Sonne, die Sonnenblumen drehen sich nach ihr, und die Menschen werden depressiv, wenn längere Zeit keine Sonne scheint.

Das Licht ist der stärkste „Motor der Evolution“. Im Licht verbirgt sich die Kraft des göttlichen Geistes. Nicht umsonst haben die großen Denker und Dichter das Licht und die Sonne verherrlicht. Und die Bibel fasst die entsprechenden Aussagen alle zusammen in dem schlichten Wort: „Gott ist Licht und Finsternis gibt es nicht in ihm.“ (1 Joh 1,5) Noch ganz in diesem Sinn verkündet Mozarts Sarastro in der „Zauberflöte“: „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht.“ Denn die Nacht, das Reich der Finsternis ist der Machtbereich des Bösen und der Sünde. Dankbar bekennt der Apostel Petrus: „Gott hat uns aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen.“ (1 P 2,9) Aus der Finsternis führt uns der Hl. Geist durch das Licht zu jenem Licht, das Gott ist. Von den Einzellern der Natur bis zur Bekehrung der Sünder: überall begegnet uns die Macht des Lichtes, durch das der Hl. Geist alles auf das Leben hin ordnet.

Und dann gibt es noch etwas, in dem der Geist Gottes verborgen ist. Es ist der innerste, grundlegende Vorgang der Biologie: der staunenswerte Vorgang der Zellteilung. Die Zelle muss sich teilen, damit Wachstum möglich ist. Das Leben muss bereit sein, sich zu teilen. Was ist das nicht Tiefes, das da im Innersten der Lebensprozesse erkennbar wird! Die Natur macht das allein, aus ihrem Drang zu überleben. Ohne Zellteilung würde ein Lebewesen in kürzester Zeit absterben. Und der Mensch? Er muss das, was in der Natur gilt,  in sein Verhalten übertragen. Und das muss er erst lernen, ein Leben lang. Das Teilen: die Zeit, die Macht, das Wissen, den Fortschritt. Die Bibel hat für dieses Teilen das Wort Liebe. Von sich weggeben, damit andere leben können.

Und dann gibt es das Wunder der göttlichen Liebe: wo der göttliche Sohn sich im Brot der Eucharistie millionenfach über die Welt austeilen lässt. Unfassbare Überbietung des innersten Vorgangs des Lebens in der Zellteilung: das göttliche Leben, das sich austeilen lässt als „Brot für das Leben der Welt“ (Joh 6,51), als Speise für das ewige Leben (vgl. Joh 6,27). Aber dieses Brot zu empfangen brauchen wir den Hl. Geist, der so in uns wirkt, dass wir unser Herz für dieses Geschenk öffnen können!

Wir merken, es gibt eine innere Verbindung zwischen dem Reich der Natur, das wir mit dem Verstand erforschen und dem Reich der Gnade, das wir im Glauben erfassen. Zumindest hat sich so der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz ausgedrückt, Naturforscher, Mathematiker und Philosoph. Er sprach davon, ganz anders als man es heute tun würde, dass eine verborgene Harmonie herrscht zwischen Natur und Gnade. Wenn wir diese Sicht annehmen, dann sind das Licht und das Leben (der Zelle) ihre stärksten Argumente. Es ist ein und derselbe Geist, der diese Harmonie bewirkt und sie den Augen des Glaubens offenbart. Das dritte Hochgebet der Eucharistiefeier bekennt sich zu dieser Harmonie: „Durch deinen Sohn Jesus Christus und in der Kraft des Heiligen Geistes erfüllst du die ganze Schöpfung mit Leben und Gnade.“ Mit Leben und Gnade. So tauchen wir in jeder Eucharistiefeier ein in die innerste Ordnung der von Gottes Geist erfüllten Schöpfung, die im Brot des Lebens ihren tiefsten Sinn offenbart.

(P. Willibald Hopfgartner)