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„Ein Käfig ging einen Vogel suchen...“

Die schwierige Erziehung zur Freiheit in der Konsumgesellschaft

 

Das rätselhafte Bildwort stammt von Franz Kafka. Man kann es wie einen Spiegel gebrauchen, um einer Wahrheit des Lebens ansichtig zu werden: Dem Menschen, der doch die Freiheit sucht, bietet sich ein Käfig als seine Freiheit an. Resultat: Man wollte die Freiheit - und landete in der Unfreiheit. Das zu verhindern, nichts anderes, ist die Aufgabe der Erziehung. Alle Beteiligten, der junge Mensch, die Eltern, die Schule, die Jugendorganisationen, im weitesten Sinne die Politik stehen vor der enormen Herausforderung: zu unterscheiden, wo ist der Käfig, wo ist die Freiheit?

 

Aristoteles, einer der Großen des europäischen Denkens, hat den Ursprung des Problems auf den Punkt gebracht, wenn er sagte: „Hauptsächlich lernt der Mensch durch Nachahmung.“ Freiheit oder Käfig findet der Mensch je nachdem, was er nachahmt. Ob es Worte sind, Verhaltensweisen und Motive, immer wird er sie zuerst nachahmen und dann, in Zustimmung oder Abgrenzung, seine Persönlichkeit ausbilden.

 

Niemand denkt ja seinen Lebensweg allein bei sich durch. Immer sind „die anderen“ mit im Spiel. Wir achten darauf, wie die Menschen um uns herum leben, wir sehen sie in ihrem Glück oder Unglück und vergleichen uns mit ihnen. Auch wenn man beim Nachdenken über sich allein ist, so gilt doch: die Menschen, die Kinder und jungen Menschen insbesondere, finden die Worte und die Syntax, um ihre Lebensvorstellungen zu entwickeln, in der Sprache, die sie umgibt. So ist für den jungen Menschen der Weg hinein in das Leben, in die eigene Freiheit, nur gangbar in Auseinandersetzung mit dem, was sie in der Sprache ihrer Umgebung als plausibel, anerkannt und damit erstrebenswert, kurz als wert-voll vorfinden. Nur ist dann die Frage, was er/sie da vorfindet, um es nachzuahmen: Führt es in die Freiheit oder in den Käfig?

 

Damit wird aber auch schon klar, wie sehr alles das, was wir unter dem Begriff der Erziehung zusammenfassen, ein großer Dialog über Freiheit und Unfreiheit ist. Dabei sind Ehrlichkeit und persönliche Überzeugung von entscheidender Bedeutung. Wo aber Ehrlichkeit sein soll, da muss auch viel Demut sein. Und wo Überzeugung sein soll, braucht es viel Toleranz und Geduld. Wer immer im Dienst der Erziehung steht, wird deshalb seine Grenzen erleben, wird unter Konflikten leiden und darin auch unter dem eigenen Versagen, er wird mit der Versuchung des Aufgebens kämpfen und sich nicht selten fragen: „Warum soll ich mir das antun?“ Und ein sechster Sinn wird ihm immer wieder sagen: „Du darfst die jungen Menschen nicht allein lassen. Wenn du ihre Freiheit willst, musst du zurück in das Gespräch mit ihnen.“

 


 

Käfig I

 

Junge Menschen wachsen auf und wachsen hinein in ein gesellschaftliches Leben, das man heute unter dem Begriff der Konsumgesellschaft zusammenfasst. Der französische Soziologe Jean Baudrillard hat 1970 ein berühmt gewordenes Buch darüber veröffentlicht. Unser Wirtschaftssystem, und damit Beschäftigung und Wohlstand, sind davon abhängig, dass es nicht zu einem Nachlassen des Konsums kommt. Etwas vereinfacht kann man sagen: Wer konsumiert, steht damit im tiefsten Einklang mit dem „Geist unserer Zeit“ und fühlt sich dabei auch so. Denn wir haben nicht nur eine bisher in der Geschichte unbekannte Verfügbarkeit von Waren. Zugleich damit nistete sich eine entsprechende Denkweise in den Köpfen der Menschen ein, die durch die Werbung verstärkt wird: man hält „gewisse Dinge“ für wesentlich für ein „glückliches Leben“. Der junge Mensch erlebt in der Konsumgesellschaft die „ekstatische Bedeutung“ von Dingen, von Markenartikeln etwa, oder – nicht davon zu trennen - des „schönen Körpers“. Er sieht an den Erwachsenen, wie viel solche Dinge heute wert sind, welche Träume und Erwartungen sie bei ihnen auslösen. Kinder und Jugendliche verirren sich nicht selten im Wald der vielen (scheinbar) wichtigen Dinge.

 

Der große italienische Filmregisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini sah hinter dieser Denkweise das Vordringen von „konsumistischen und permissiven Mächten“, die die Gesellschaft beherrschen. Die Wirklichkeit erscheint dabei wie ein großes Warenhaus, das Konsumieren als Grundform des Umgangs mit ihr, das Geld als Eintrittskarte in diese Welt. Konsumistisches Verhalten dringt durch viele Ritzen auch in das Miteinander der Menschen, man „konsumiert“ einander. „Liebe ist, wenn man was voneinander hat“, sagt eine von Horvàths Bühnenfiguren. Vorbereitung, Zeit und Ort des Konsums, eventuell die nötige „Entsorgung“ nimmt den Menschen ganz in Beschlag. Man denke an die seit Jahren wachsende „Eventkultur“, die ja nichts anderes bieten will, als einen mit vielen anderen, am besten innerhalb einer großen Masse stattfindenden Konsum.

 

Was Dinge und ihr Konsum nicht bieten können, ist die Qualität menschlicher Nähe. Dazu eine Szene, vor kurzem in einem Supermarkt erlebt: Die Mutter will ihrem Kind bei der Kassa noch etwas kaufen. Der Reihe nach bietet sie dem Kind verschiedene Dinge an, aber das Kind will nicht. Die Mutter wirkt beunruhigt, weil das Kind auf ihre Angebote nicht anspricht. Oft haben die Erzieher den Käfig noch nicht bemerkt, in dem sie selber stecken. Dinge fragen nicht und antworten nicht, sie sind stumm. Mit ihnen wird und wächst man nicht. Man kann mit ihnen vor anderen imponieren und den eigenen Status markieren. Das schon. Aber die Frage stellt sich: Was blieb am Ende für den Menschen?

 


Käfig II

Es sind die undefinierten Grenzen. Kinder, junge Menschen, sind ihren Wünschen ausgeliefert. Sie erleben die Wünsche imperativisch, können die aufsteigenden Wünsche nicht transzendieren. Sie brauchen dazu die Führung und Hilfe der Erwachsenen. Wie beim Schlafengehen: Die meisten Kinder wollen am Abend aufbleiben, so lange wie die Eltern. Aber dann werden sie so müde, dass sie zu weinen beginnen. Trotzdem weigern sie sich schlafen zu gehen. Sie protestieren, wenn man sie zu Bett bringt, aber schon nach wenigen Minuten sinken sie in den Schlaf. Die elterliche „Maßnahme“ hat sie befreit vom Druck des unbeherrschbaren Wunsches.

 

Die Vorstellung der meisten Menschen geht heute dahin, dass Erfüllung von Wünschen „Glück“ beschert, die Verweigerung hingegen „Frustration.“ Hinter dieser Annahme steckt eine lange Tradition, die seit Rousseau daran glaubt, dass das Kind in seinem Wünschen ganz „natürlich“ sei und man es deshalb nur sich selbst zu überlassen  brauche. Wie unser Beispiel zeigt, gibt es aber auch das Unglück aufgrund der verweigerten Orientierung. Nach langer, heftiger Diskussion mit ihrer Mutter sagte die Tochter schließlich: „Verbietest du mir’s jetzt endlich?“ Kinder und Jugendliche wollen oft eine Entscheidung, wo Eltern aus Angst vor dem Sympathieverlust eine klare Stellungnahme scheuen.

 

Es ist durch viele Studien erhoben worden, dass gerade die Gestalt des Vaters für die Grenzziehung gegenüber den Wünschen von besonderer Bedeutung ist. Obwohl man heute die Verschiedenheit der Geschlechterrollen in Frage stellt, ist sie in den Augen des Kindes doch nicht weniger vorhanden. In seinem Buch „Die verlorenen Väter. Ein Notruf“ (2002) führt Paul Josef Cordes einige von der amerikanischen Journalistin S. Faludi gesammelte Zeugnisse an: „Mein Vater hat mir nie beigebracht, wie man einen Ball wirft“, oder „Mein Vater hatte immer zu tun“, „Ich wurde von meinem Vater nicht geführt.“ Genau dieses Geführt-Werden ohne den eigenen Spielraum zu verlieren, das ist die Sehnsucht der jungen Menschen. Aber dazu gehört auf Seiten der Erzieher der immer neu zu suchende Ausgleich von Nähe und Distanz.

 

Eltern leben heute oft in der Angst, das Kind könnte ihnen die Sympathie entziehen, wenn sie seinen Wünschen nicht folgen. Nichts desorientiert Kinder so wie zu spüren, dass die Eltern von ihnen abhängig sind. Dagegen sollten sich Eltern bewusst vornehmen: „Ich will mein Kind / meine Kinder führen, ich will ihm / ihnen helfen, sich zurechtzufinden, ich überlasse sie nicht dem Einfluss der (immer schwer fassbaren und beeinflussbaren) Umgebung.“ Was heute wiedergewonnen werden muss, ist die Erfahrung, dass die erzieherische Liebe auch das Führen einschließt. Leider hat auch die akademische Disziplin der Pädagogik lange Zeit nicht mehr von den Dimensionen der erzieherischen Liebe gesprochen. Mittlerweile weiß man es auch aus der Hirnforschung: „In einer Welt, in der die Geborgenheit verloren geht, kann die Entwicklung des Hirns nicht mehr normal verlaufen.“ (Gerald Hüthen, Hirnforscher 1999, zitiert in: Karl Gebauer: Wenn Kinder auffällig werden. Perspektiven für ratlose Eltern)

 

 


Käfig III

 

Er heißt: Es gibt für alles einen Schuldigen. Für alle Probleme, für alles Negative, gibt es namhaft zu machende Verursacher. Es ist der beliebteste Abkürzungsweg zur Lösung von Problemen. Man muss dann nicht nachdenken, wie komplex eine Frage ist oder gar, wo der eigene Anteil an der Schwierigkeit liegt. Man fühlt sich nicht genötigt, über Lösungen oder Alternativen nachzudenken, denn man kennt ja den / die Schuldige/n. Die in mehreren  europäischen Ländern geführte Debatte um die Krise der Schule liefert uns ein schönes Beispiel: Je nach Standpunkt schiebt man die Schuld den Programmen zu, den Lehrern, der Familie, dem Minister, der Pädagogik etc.

 

Die Analyse der Gründe, die zum Bruch mit einer als „problemlos“ angesehenen Lebensgewohnheit geführt haben, gehört selbstverständlich überall dazu. Aber die raschen Schuldzuweisungen lenken meist ab von der Aufarbeitung der eigentlichen Fragen. Hinter ihnen steckt der Sündenbockmechanismus, ein seit vielen Jahren vom Kulturwissenschaftler René Girard erforschtes Denkmuster, das in vielen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens, von jugendlichen Gruppenbildungen bis hin zu betrieblichem Mobbing, von den Parteien bis zur Kirche, quer durch die Gesellschaft praktiziert wird. Wer Schuldige nennen kann, findet immer leicht Anhänger. Man liebt die Aufregung über „die Schuldigen“, denn sie ist wie der Rauch, der die schwierigen Dinge einnebelt. In diesem Rauch hustet man sich an mit Emotionen, aber in der Emotionalität der Beschuldigungen bleibt die Rationalität auf der Strecke.

 

Dieses Verhaltensmuster, so undurchschaut wie mächtig, findet unter den Jugendlichen leichten Widerhall, und seine „Logik“ trifft mit Vorliebe die Erzieher. Es ist nicht leicht für einen Menschen, wenn er für „schuldig“ erklärt wird, für Eltern so wenig wie für Lehrer. Es ist schwer standzuhalten, oder mit den Jugendlichen auf die Aufarbeitung des Problems hinzuarbeiten, statt nun selbst Schuldzuweisungen auszuteilen. Ein „Beschuldigter“ reagiert defensiv, er ist mit der Selbstverteidigung beschäftigt, statt mit der Frage, wie man in einer Krise wieder zu einem offenen Austausch darüber findet, „wie es denn weitergehen soll“, woher die Frustration kommt, welchen Ansatzpunkt für die Lösung es gibt. Wie aber sollen junge Menschen ihren Weg finden, wenn sie nicht dazu geführt werden, den eigenen Teil an Verantwortung für das Negative an ihrem Leben anzusehen und zu bewältigen? Es fehlt unserer Gesellschaft an einer Denkweise, die den Menschen hilft, mit dem Negativen umzugehen, es auszuhalten, es anzunehmen und dadurch aufzuarbeiten.

 


 

„Flieg, Vogel, flieg!“ – in die Freiheit, die dich trägt

 

Über dem Nordportal der Kathedrale von Chartres ist ein herrlicher Einfall eines mittelalterlichen Bildhauers zu bestaunen: Beim Betrachten wegfliegender Vögel verfällt Gott auf den Gedanken, die Schöpfung schließlich auch noch mit einem Wesen nach seinem eigenen Bild zu krönen, den Menschen als Abbild seiner Freiheit. Es ist eine Freiheit, die nicht auf einen Schlag zur Verfügung steht, sondern erst erworben werden muss.

 

Die Freiheit ist, wie der Philosoph G. W. Leibniz einmal sehr schön sagt, „die Erfahrung, in der Wahl des Besseren nicht gehindert zu sein.“ In der Lage sein, sich nicht mit dem Leichten zu begnügen, sondern das Bessere zu wählen. Warum aber soll ich vom Leichteren zum Schwereren gehen? Warum soll ich „mir das antun“ (wie man heute sagen würde)? Aus keinem anderen Grund als dem, dass es Freude macht, es zu können. Werte lebt man nicht durch Einhaltung von Verboten und Befolgung von Vorschriften. Die Werte „wohnen“ nicht im Kopf, sondern im Herzen. Als vor Jahren die Leiterin des Asylantenheims in Poysdorf (NÖ) durch ein Briefattentat verletzt wurde, sagte sie: „Am Evangelium (und gemeint war damit auch: an der Aufgabe, den Notleidenden zu helfen) ändert sich deshalb nichts. Ich mache weiter.“



Werte kann man nicht lehren, nur bezeugen

 

Werte sind nicht Kopfgeburten, man erfindet sie nicht, sondern man findet ihre Wahrheit und Schönheit, man entdeckt sie. Meistens mit Hilfe von Zeugen. Denken wir nur an die einfachen Zusammenhänge: Das Wohl der Familie, die gute Atmosphäre in der Nachbarschaft, die Einhaltung eines Versprechens – das sind schlichte Beispiele für Werte aus dem Alltagsleben, die man selbst an den Menschen (den betreffenden Zeugen) gesehen und erlebt hat. Werte „erfüllen“ einen Menschen. Das sieht man einem Menschen an, und das macht andere neugierig auf ihn, sodass sie ihn fragen: Warum lebst du so? Die Zeugen bewegen die Herzen anderer, sich den an ihnen erlebten Werten zu öffnen, sie anzunehmen und sich zu eigen zu machen. Nur durch Zeugen bleiben Werte in der Gesellschaft lebendig.

 

Der Zeuge hat etwas „erfahren“, was sich für sein Leben als bedeutsam, ja erfüllend herausgestellt hat, und der jetzt das Einleuchtende, ja „Schöne“ daran auch anderen zeigen möchte. Das verleiht seinen Zügen den Ausdruck der Freiheit. Ganz anders der Fanatiker, der Rigorist, der Formalist, der wie unter Zwang agiert. Zeugen sind Menschen, die durch ihre Entscheidungen ihre Umgebung auf die Kraft und Macht des Guten (so wie es in den Werten erscheint) aufmerksam machen. Nur das Zeugnis kann einem anderen Menschen Werte „lehren.“ Darum ist es manchmal so schwer, von ihnen zu sprechen, oder sie zu begründen. Weil es hier mit Worten und Argumenten nicht getan ist. Es braucht das erlebbare Zeugnis.

 

Weil insbesondere der Glaube ein Wert ist, der nur durch Zeugen vermittelt werden kann, ein Beispiel dazu: Eine österreichische Universität verlieh den Ehrendoktor einem großen Mediziner. Am Ende der Feier wird er zu seiner Dankesrede gebeten, tritt vor, begrüßt die Versammlung und sagt nur einen Satz: „Gott ist der Arzt, ich bin nur sein Knecht. Ich danke Ihnen.“ Was für ein Wort, was für ein Zeugnis! Ein Leben im Einsatz für den kranken Menschen – in seiner geheimsten und stärksten Motivation zusammengefasst. Man kann nur davon träumen, die Werte unseres Herzens einmal in solcher Weise bezeugen zu können.

 

 


Werte brauchen Institutionen und beleben sie

 

Wir erleben die Werte in den Institutionen. Dort sind sie konkret erfahrbar, dort wirken sie sich aus, dort ist ihre „Logik“ ablesbar. Der Wert des menschlichen Zusammenhalts z. B. erscheint in hervorragender Weise in der Familie. Einander in Freude und Sorge zugetan sein, füreinander einspringen, gemeinsam etwas unternehmen usw., all das sind konkrete Erscheinungsformen des Zusammenhalts, nicht lehrbar, nur erfahrbar. Darum sind Reden, in denen die Werte beschworen werden, oft so enttäuschend, denn sie tun so, als könnte man sie in die Köpfe der jungen Menschen „hineintrompeten“, ohne ihnen die nötigen Erfahrungsorte anzubieten.

 

Alle Einrichtungen der Solidarität, von den Rettungsdiensten über die Feuerwehr bis zu den Vinzenzkonferenzen (um nur einige Beispiele zu zitieren) machen auf ihre Weise deutlich: Werte – und ein so tragender wie die Solidarität insbesondere – sind auf Institutionen angewiesen. Dort werden Werte gelehrt und gelernt. Alles, was die Gesellschaft braucht, um die „soziale Temperatur“ im Land lebensfreundlich zu halten, empfängt sie aus den Institutionen, die die entsprechenden Werte in die soziale Realität umsetzen. Umgekehrt halten auch die Werte die Institutionen lebendig. Wo Vereine, Verbände, Einrichtungen die Werte, denen sie verpflichtet sind, nicht mehr erfahrbar machen können, sind sie auch nicht mehr vermittelbar. Sie erscheinen dann ihrerseits als „Käfige“. Institutionen müssen ihre Werte vor der Öffentlichkeit bezeugen. Geschieht das nicht, wird um sie herum das Misstrauen wachsen.

 


Nur freie Menschen machen andere frei

 

Ich sage den Schülern oft: „Wenn man in seinem Leben nie für eine gute Sache ausgelacht worden ist, ist man kein reifer Mensch.“ Wo immer es um Werte geht, gibt es Missverständnis, Kontraste, Konflikte, Verweigerung. Der Erzieher bekommt das immer wieder zu spüren. Man erlebt die „Gegenkräfte“: die Oberflächlichkeit, das Vorteilsdenken, die Ängste, zum Beispiel jene, sich unbeliebt zu machen oder scheel angeschaut zu werden. Wer die Werte vertritt, erscheint nicht selten „weltfremd“, „unmodern“, „unflexibel“, „erfolglos“. Dazu kommt noch: in alles noch so Richtige ist unweigerlich auch eigene Schwäche hineingemischt. Und so gleicht der Erzieher wohl oft dem Don Quijote, wo idealistischer Kampf und eigenes Ungeschick unlösbar verstrickt sind.

 

Der freie Mensch kann auch von dem sprechen, was ihn verwundet hat. Junge Menschen erfahren sonst nicht, was es heißt, einen Schmerz zu verarbeiten. Und trotzdem eine gute Sache und die Treue zu den Menschen nicht aufzugeben. Nur wer selbst verwundet wurde, kann anderen helfen, mit Verwundungen umzugehen.

 

Wer großzügig ist, macht andere großzügig.

Wer treu ist, hilft anderen treu zu sein.

Wer geduldig ist, verbreitet um sich eine Atmosphäre der Geduld.

Wer gerecht ist, stärkt den Gerechtigkeitswillen auch in anderen.

Wer verzeihen kann, widerlegt die Logik der Feindschaft.

Wer in gläubiger Hoffnung auf sein Sterben vorausblickt, stärkt andere auf diesem Weg, den alle Menschen gehen müssen.

 

Eine Gesellschaft, in der die Formen der Unfreiheit immer öfter undurchschaut bleiben; in der immer öfter Konsum mit Freiheit und jede Begrenzung mit Unfreiheit verwechselt wird, wo der mediale Diskurs immer mehr von der Suche nach Schuldigen statt nach besseren Lösungen für das Unzureichende beherrscht wird, ist für junge Menschen der Weg in die Freiheit sehr schwer. Es lauern Käfige auf ihrem Weg. Umso mehr brauchen sie Menschen, die bezeugen, dass die Werte, die ihr Herz erfüllen, sie frei gemacht haben.

 

P. Willibald Hopfgartner OFM