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Von der „Natur“ zur „Schöpfung“

P. Willibald Hopfgartner OFM

Von der „Natur“ zur „Schöpfung“
Was Papst Franziskus in der Enzyklika Laudato si der ökologischen Bewegung mitgibt

Mit seiner Umweltenzyklika, die mit den ersten Worten des Sonnengesangs des hl. Franziskus beginnt, hat sich Papst Franziskus zum ersten Mal in einem großen lehramtlichen Text auf seinen Namensgeber bezogen. Sie ist ein Bekenntnis zum geistlichen Erbe des Armen von Assisi. 


1. Einstieg: Lobgesang vs. Technokratie
Im Bericht des Club of Rome (1972), dem ersten ökologischen Warnsignal, wird die Welt noch wie ein Rohstofflager und Energiesystem angesehen, das sich nun durch die maßlose Ausbeutung zu erschöpfen droht. Bei Papst Franziskus ist der Rahmen viel weiter gesteckt: Zum Klimawandel kommen die Fragen der Armut und Ungleichheit innerhalb der Weltgesell-schaft, die Wegwerfkultur der Konsumgesellschaft oder die Mülldeponien auf den Weltmee-ren. Und hinter allem steht die Frage nach dem „falschen Bewusstsein“ (= ein undurchschau-ter, aber schadenverursachender Interessensstandpunkt). Der Club of Rome hatte den ersten Befund zur Umweltkrise vorgelegt, der Bischof von Rom fragt jetzt, 44 Jahre später, nach den weitverzweigten Ursachen in Ökonomie, Politik und Lebensgewohnheiten der Menschen, aber stellt vor allem die Dringlichkeit ihrer Korrektur vor Augen.
Die Enzyklika setzt an beim „Incipit“ des „Sonnengesangs des hl. Franziskus“. „Laudato si“- ein Lobgesang, nicht an die Geschöpfe, sondern an Gott – für seine Geschöpfe. Es ist also ein relationaler Text, in einem doppelten Sinn: als Beziehung zu den Geschöpfen (in Form von Bewunderung, Gemeinschaft, Dankbarkeit) und als Eintauchen – mithilfe der Geschöpfe – in das Liebesmeer Gottes. Mit den Worten der Enzyklika: „Die Welt ist mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis, das wir mit frohem Lob betrachten.“ (12) Die Enzy-klika stemmt sich mit aller Kraft der Reduktion der Welt auf empirisch-technische Befunde und auf ökonomische Kalküle entgegen, weil sie gerade darin die Wurzeln der neuzeitlichen „Welt-Vergiftung“ erkennt. Der Papst befürchtet, dass man „die Menschheit des post-industriellen Zeitalters als eine der verantwortungslosesten der Geschichte“ in Erinnerung behalten wird (165). Damit wird die oft verdrängte Frage der Wertorientierung unserer Ge-sellschaft unabweisbar.


2. Der Ursprung der „Weltvergiftung“ im neuzeitlichen Geist
Die Enzyklika ist weithin eine „Kampfansage“  gegen das „falsche Bewusstsein“ von der Welt, das sich vom Beginn der „Neuzeit“ an immer mehr durchgesetzt hat. Bei Descartes hieß es schon, mit Hilfe der Wissenschaften würden wir zu „maîtres et possesseurs de la nature“ werden (Discours de la Méthode). In den Worten von Romano Guardini (Das Ende der Neu-zeit, 1950), den der Papst mehrmals heranzieht: Es geht „in der Technik letztlich weder um Nutzen noch um Wohlfahrt, sondern um Herrschaft; um eine Herrschaft im äußersten Sinn des Wortes.“ (108)
Eine solche Optik glaubt nur zu gerne der „Lüge bezüglich der unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter des Planeten“ (106). Dazu kommt heute als dominantes Weltverhältnis der Konsum hinzu und die daraus wachsende „fröhliche Oberflächlichkeit, die uns wenig genützt hat“, im Gegenteil: „sie bringt uns um der Wahrung der jeweils eigenen Interessen willen gegeneinan-der auf.“ (229) Darum steht heute dem  „übertriebenen technologischen Einsatz für den Kon-sum“  ein vergleichsweise geringes Bemühen gegenüber, die „unerledigten Probleme der Menschheit zu lösen.“ (192) Eine „große anthropozentrische Maßlosigkeit“ (115) hat das Be-wusstsein des privilegierten Teils der Menschheit befallen.


3. Eine andere Sprache für die Welt – Die Natur als Schöpfung
Unser Weltverhältnis beruht auf der Sprache. Die Bibel bietet ein unerschöpfliches Reservoir für ein anderes Sprechen von der Welt. Es beginnt schon mit dem Begriff der Schöpfung: „Von <Schöpfung> zu sprechen ist für die jüdisch-christliche Überlieferung mehr als von Natur zu sprechen.“ (76) Zur Schöpfung gehört nämlich wesentlich auch die Ordnung des Zusammenlebens der Menschen. „Ein Empfinden inniger Verbundenheit mit den anderen Wesen in der Natur kann nicht echt sein, wenn nicht zugleich im Herzen eine Zärtlichkeit, ein Mitleid und eine Sorge um die Menschen vorhanden ist.“ (91 Hier wird deutlich, wie Natur und  ethische Grundsätze zusammengehören. Gerade in dieser Hinsicht gilt: „[D]ie Tatsache, dass sie in einer religiösen Sprache erscheinen, mindert in keiner Weise ihren Wert in der öffentlichen Debatte.“ (199)
Darüber hinaus ist die Schöpfung auch ein sozialer Imperativ eingeschrieben: Die Welt ist „ein von der Liebe des himmlischen Vaters erhaltenes Geschenk“ (220), und das Teilen ist den Empfängern dieser Gabe wesentlich aufgetragen.


4. Die Schöpfung als Gemeinschaftsgut - Der Weg des Dialogs
Mit dem Begriff der Schöpfung als Gabe eng verbunden ist der Begriff der Gemeinschaftsgü-ter, der besonders geeignet ist, um diese Verantwortung zu artikulieren: „Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle.“ (23) Hier zeigt der Papst den Mut, den Status der Atmosphäre als globales Gemeinschaftsgut in das kollektive Bewusstsein der Menschen zu heben. Ohne Beachtung dieser Gemeinschaftsgüter wird es keine gerechte Weltwirt-schaftsordnung geben. Zum Klima kommen noch die Wälder, der globale Wasserkreislauf, die Ozeane. Bei so wesentlichen Gütern wie dem Trinkwasser oder dem Wald gilt: der gesamte „ökologische Ansatz [muss] eine soziale Perspektive einbeziehen, welche die Grundrechte derer berücksichtigt, die am meisten übergangen werden.“ (93)
Da die Klimafrage ein weltumspannendes Thema ist, fordert es dazu heraus, die Zersplitte-rung  der Menschheit in Nationalstaaten zu überwinden. Der Papst lobt insbesondere den Erd-gipfel von Rio de Janeiro (1990). Das eigentliche Hindernis für den Dialog ist die Tendenz, dass „die Dimension von Wirtschaft und Finanzen, die transnationalen Charakter besitzt, ten-denziell die Vorherrschaft über die Politik gewinnt.“ (175)

5. Neue Allianzen: Kultur und Kunst
In diesem Zusammenhang fällt auch auf, welche Bedeutung der Papst der Sprache der Kunst zuschreibt. „[A]uch der Wille, Schönes zu schaffen, und die Betrachtung des Schönen bewir-ken, dass die Macht, die das Gegenüber nur als Objekt wahrnimmt, überwunden wird in einer Art Erlösung, die sich im Schönen und in seinem Betrachter vollzieht. Die echte Menschlich-keit, die zu einer neuen Synthese einlädt, scheint inmitten der technologischen Zivilisation zu leben…“ (112) Man denkt unwillkürlich an Dostojewskis Wort von Fürst Myschkin in „Der Idiot“: „Am Ende wird die Schönheit die Welt erlösen.“ Und jeder Stifter-Leser weiß, nach ein paar Seiten Stifter geht man anders durch die Natur.


6. Gelebte Spiritualität der Schöpfung
Der Papst widmet sich dann explizit der Frage einer „ökologischen Spiritualität“, die zum Umweltschutz „anspornen, motivieren, ermutigen und ihm Sinn verleihen“ sollen (216).  Grundlage ist eine „vollständig[e] Umkehr“, zu der uns das „Vorbild des heiligen Franziskus von Assisi“ bewegen soll (218). Durch sein Beispiel werden wir  angeregt zu einem „ausge-glichenen Lebensstil, verbunden mit einer Fähigkeit zum Staunen, die zur Vertiefung des Le-bens führt.“ (225) 
Jedoch ist sich der Papst darüber im Klaren, dass es nicht genügt, „dass jeder Einzelne sich bessert“ (219). „Auf soziale Probleme muss mit Netzen der Gemeinschaft reagiert werden, nicht mit der bloßen Summe individueller positiver Beiträge.“ (ebd.)
Letztlich aber haben  alle Kritik und alle Vorschläge ein einziges Ziel: „die verschiedenen Ebenen des Ökologischen Gleichgewichts zurückzugewinnen: das innere Gleichgewicht mit sich selbst, das solidarische mit den anderen, das natürliche mit allen Lebewesen und das geistliche mit Gott.“ (210)


7. „Welt in Gott“ – Der Christusgrund der Schöpfung (83)
Der Kirche gibt der Papst mit, dass man die Schöpfung nicht losgelöst von ihrem Grund in Christus betrachten darf. „Durch das Wort ist alles geworden“ (Joh 1,2), darum darf die Welt niemals losgelöst vom Christus-Geheimnis betrachtet werden. Im Glauben ist uns die Ge-wissheit geschenkt, „dass Christus diese Welt in sich aufgenommen hat und jetzt als Aufer-standener im Innersten eines jeden Wesens wohnt, es mit seiner Liebe umhüllt und mit seinem Lichte durchdringt.“ (221) Deshalb kommt der Feier der Sakramente (Brot und Wein der Eu-charistie) ein entscheidender Platz in der christlichen Ökologie zu.
Der Papst spricht nicht, wie die Umweltexperten, als „Techniker“, sondern als „geistlicher Vater“, der die Menschheitsfamilie zu einem verantwortungsbewussten Bewohnen ihres „Hauses“ (gr. οίκος) mahnt, sie aber auch anleitet zu einem dankbaren und freudigen Blick auf die Schöpfung, das Geschenk Gottes an die Menschheit und auf das transzendente Ziel, zu dem sie bestimmt ist.